Mein Strand, mein Fahrrad, mein Jever: Wir Kinder vom Jadebusen

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Mein Strand, mein Fahrrad, mein Jever: Wir Kinder vom Jadebusen

Wilhelmshaven. Die grüne Stadt am Meer. Schlicktown. Oder einfach nur: Willi. Autokennzeichen WHV und wenn man mit demselbigen kommt, dann aus Richtung Oldenburg auf der A29 und dann heißt es: Vollgas, Bleifuß, jetzt ist es nicht mehr weit! Ab Oldenburg ist irgendwie schon fast wie zu Hause, es kommt garantiert kein Stau mehr, man entspannt sich, muss nicht mehr nachdenken, einfach nur noch geradeaus fahren, das kann man im Schlaf: Rastede, Varel, Zetel, Sande, Willi. Ich fahre in Fedderwarden ab. Für mich ist das völlig normal. Dass es auf andere lustig wirken könnte, merkte ich erst, als ich das erste Mal mit einem Nicht-Wilhelmshavener zu meinen Eltern fuhr. Wo müssen wir runter? Fedderwarden. Fedderwarden? Ich schmeiß mich weg, das muss ich zu Hause erzählen, ihr seid ja süß hier!!

Der Südstrand von Wilhelmshaven
Der Südstrand von Wilhelmshaven

Gut 78.000 Menschen wohnen hier, alle total süß natürlich. Wilhelmshaven gehört zu Niedersachsen, zum Shoppen fuhren wir früher gern mal nach Oldenburg, was rund 50 Kilometer entfernt liegt und einen Tagesausflug auf jeden Fall rechtfertigte. Und auf die ostfriesischen Inseln fuhren wir auch: nach Wangerooge, Langeoog, Spiekerooge und Norderney, um mal die für mich wichtigsten zu nennen. Es gibt die Bundeswehr in Wilhelmshaven, den größten deutschen Marinestützpunkt, früher gab’s noch Olympia, den Schreibmaschinenhersteller, einer der größten Arbeitgeber damals, aber es schreibt keiner mehr mit den Dingern. Olympia gab es dann irgendwann auch nicht mehr. Dafür haben wir jetzt den JadeWeserPort, den einzigen Tiefwasserhafen Deutschlands, an dem die die größten Containerschiffe der Welt andocken. Und siehe da: auch wenn es erst Anlaufschwierigkeiten gab: ein Schiff wird kommen.

Am Bontekai
Am Nassauhafen

Ich bin in Wilhelmshaven geboren, halbwegs groß geworden (1,65), zur Schule gegangen, habe auf der Cäci Abitur gemacht und bin danach weggezogen und nicht wiedergekommen. Heute lebe ich in Hamburg und im letzten Jahr haben wir unser 20-jähriges Abitreffen gefeiert, mit Hafenrundfahrt und einigen Absackern im Bavaria Krug unterhalb der KW-Brücke (Kaiser-Wilhelm-Brücke). Bild Witzigerweise waren wir früher nie im „Krug“ (aber dazu gleich noch), doch jetzt ist es anscheinend irgendwie Kult geworden? Weiß jemand was darüber? Das Bavaria Krug ist auf jeden Fall ein Schätzchen: eine kleine Kneipe, wie man sie auch in Hamburg auf dem Kiez vorfinden könnte, bunt wie ein kleines Museum mit ganz vielen Erinnerungsstücken an der Wand, Kuriosem, Bildern und und und. Natürlich darf geraucht werden, man ist unter sich. Ein friesisch herbes Jever gibt’s für 1,40. Frisch gezapft, kein Scherz, kein Tippfehler. Wir kommen wieder und das nicht wegen des Bierpreises, sondern weil es so sympathisch dort ist. Danke Wolle Willig, der die Kneipe vor 10 Jahren übernommen und wahrscheinlich zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist: ein Schmuckstück. Also einfach mal reinschauen: Rheinstraße 14, geöffnet ist eigentlich immer, zumindest ist nie geschlossen.

Bild

Die meisten auf unserem Abitreffen wohnen, wie ich, mittlerweile woanders und haben Wilhelmshaven für’s Studium verlassen. Wir fühlten uns glatt wieder wie 20 und im Grunde war auch alles so wie früher. Wir erzählen uns dann sehr gerne die Geschichten aus der Schulzeit (werden wir alt?), mit leuchtenden Augen kommen Erinnerungen hoch und zwischen den Zeilen kann man heraushören, dass es schön war damals und wir es gut hatten… Wir, die hier aufgewachsen sind, werden mir zustimmen. Wir hatten alles was man zu einer sorgenfreien Jugend braucht: funktionstüchtige Fahrräder, Strand, kurze Wege, eine Disco, Klassenfahrten nach Wangerooge, Eisdielen, Freibäder und das Meer vor der Tür. Wichtig und prägend für mich waren zweifellos der Südstrand und das Palazzo. Jugend- und Heranwachsende-Erinnerungen.

Der Südstrand. Es gab zwei Lager: die, die immer an den Geniusstrand fuhren und die Südstrand-Fraktion. Der Geniusstrand hatte den Vorteil, dass man dort am „richtigen“, offenen Meer war. Mit richtigem Sandstrand. Der Nachteil: man war irgendwie so ab vom Schuss, so weit weg von der Stadt. Am Geniusstrand waren auch immer Touristen, was verständlich ist, denn wenn ich an der Nordsee Urlaub machen will, erwarte ich natürlich auch Sandstrand und das echte Meer. Doch wie das immer so ist: wenn man an der Nordsee wohnt oder egal wo, das gilt für jeden Ort: man sieht Dinge einfach anders als die, die von außen drauf gucken. Daher war es uns auch egal, dass man am Südstrand nicht auf Sand liegt, sondern auf Rasen, und dass wir nicht in der Nordsee, sondern im Wasser des Jadebusens schwimmen gingen! Wie das schon klingt! Wobei, ehrlich gesagt, wir gingen eher selten baden. Ich kann mich nicht erinnern, dort jemals im Bikini gelegen zu haben. Wir waren ja keine Touris. Der Südstrand war mehr so ein Treffpunkt, man konnte so nett abhängen dort, heute sagt man chillen. Mal ein Eis holen, ein Bierchen trinken. Und er ist nicht weit von der City entfernt, 10 Minuten mit dem Rad, schon ist man da. Und auch abends verirrte man sich gern dorthin, zum Vorglühen oder auch für einen letzten Absacker, der aus Chips und Bier von der Tanke bestand. Oder einfach nur zum Knutschen.

Der Südstrand
Der Südstrand

Auch heute noch ist für die meisten Wilhelmshavener und wohl auch ganz besonders für die, die am Wochenende auf Elternbesuch sind, der Südstrand Ausflugsziel Nummer 1. So wie sich am Wochenende in Hamburg die Menschenmassen um die Aster schieben, so flaniert man in Willi die Promenade entlang. Es gibt einige kleine Hotels mit schönem Blick über den Jadebusen, die gleichzeitig auch Restaurant und Café sind und fest vorgenommen habe ich mir, irgendwann mal in einem von Ihnen zu übernachten. Im Hotel in der Heimat, am Südstrand aufwachen, skurril muss das sein! Kommt sofort auf meine To Do-Liste. Möglich ist das z.B. im Hotel Seestern oder Delphin oder im Apart-Hotel Seenelke mit dazugehörigem Kaffeehaus und hausgemachtem Kuchen inklusive.

Bild 2

Bleibt die zweite wichtige Säule meiner Jugend in Wilhelmshaven: das Palazzo. Kurz: das Lace. Gegenstück war das damalige „Watt“ (heute Twister) in Sande. Damit verhält es sich genauso wie mit dem Süd- oder Geniusstrand. Entweder oder. Ich war Palazzo, weil zum einen ja alle dahingingen, die ich ich kannte und ich sogar mit dem Rad hinfahren konnte. Und wir sind ja eigentlich überall mit dem Fahrrad hingefahren. Wer fuhr schon mit dem Bus. Meinen ersten Palazzo-Besuch vergesse ich nie: hingebracht von Papa um 10 Uhr mit meiner Freundin lungerten wir, zweifelnd über unser Outfit (waren wir auch cool genug mit unserer Levis 501?), oben auf der Galerie und beobachteten erstmal unauffällig das Geschehen. Als es gegen 0:00 Uhr endlich voll wurde, wurden wir auch schon wieder abgeholt.

Trotzdem: wir waren im Palazzo!

Unser Zufluchtsort der Jugend: das Palazzo
Unser Zufluchtsort der Jugend: das Palazzo

Dieser verruchten, dunklen Kifferhöhle, so munkelten manche. Totaler Quatsch natürlich. Es gab zwar keine Discokugel und keine Spiegel wie im Watt, aber Kiffer habe ich dort auch noch nie gesehen ;-). Palazzo in Wilhelmshaven war einfach Kult!

Durch den dunklen, schwarzen Vorhang am Eingang gekämpft und der Abend war unser! Es gab eine Tanzfläche, von der eine Treppe hoch zum DJ und zum Jackenberg ging. Es gab auch eine Garderobe, aber meine Jacke habe ich immer neben dem DJ abgelegt und nie kam etwas weg. Nur einmal hat jemand draufgekotzt, der sich auf dem weichen Klamottenstapel mal kurz hingelegt hatte. So what, war ja nur einmal. Außerdem gab es einen großen echt kommunikativen Raum zum Quatschen und Kickern und die haben sich dort noch getraut Heiße Hexe in die Mikrowelle zu schieben. Gibt’s das eigentlich noch? Wer es von dort noch weiter schaffte, landete schließlich noch in der Eisbar und der Altbierbar. Es gab wirklich alles. Freitags gab’s immer ein Getränk für ne Mark, was man dann natürlich ausschließlich trank und so fühlte man sich auch am nächsten Tag, denn meistens war das Tequila oder Ähnliches. Von Aperol Spritz, Hugo und Moscow Mule waren wir Lichtjahre entfernt. Wodka-O oder Cola-Rum. Das waren unsere Mixies.

Ich habe eine zeitlang nahezu jedes Wochenende im Palazzo verbracht, es war nicht nur eine Disco, es war unser Zuhause, unsere Zuflucht, es war irgendwie unser Leben. Dort entschied sich, wer mit wem oder auch nicht, was Montag wirklich wichtig war! Warst Du nicht da, warst Du nicht dabei. Hattest was verpasst. Wirklich was verpasst! Es war schön. Egal wann Du da warst, es waren immer genug da, die man kannte. Einfach weil es auch kaum Alternativen gab. Und das war das Schöne. Nicht die Qual der Wahl zu haben. Sich nicht immer wieder entscheiden zu müssen, weil wieder was Neues aufgemacht hat. Das steht auch für meine Jugend. Mein Strand, mein Fahrrad, mein Jever, meine Disco. Meine Freunde.

Heute, das Palazzo gibt es immer noch und hat mehrmals den Besitzer gewechselt, werden dort ab und zu Revival-Partys mit „unserer“ Musik gespielt. Der ein oder andere war mal da, aber wir nie wieder so zusammen. Doch wir sind uns einig:

„Da sitzen wir, du und ich, und haben es schön“.

Danke Willi!

Foto 5

1 Kommentar

  1. […] noch dazu. Heimat. Heimat ist für mich die Stadt, in der ich geboren wurde und das ist und bleibt Wilhelmshaven. Das ist nochmal ein ganz anderes, intensives und oft auch konfuses […]

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